20 Jahre Amadea: deutsches traumschiff


Seit 20 Jahren ist die Amadea 2026 Teil der Phoenix -Flotte und seit über 10 Jahren das Fernseh-Traumschiff.

Auf dem deutschen Kreuzfahrtmarkt hat sie einen festen Platz und überdies aufgrund ihrer übersichtlichen Größe und ihrer japanischen Herkunft ihren ganz eigenen Charme. Wir durften das Schiff, seine Crew und seine Passagiere im Rahmen einer zweitägigen Stippvisite kennenlernen.

Wer im Columbus Cruise Center in Bremerhaven für eine Kreuzfahrt mit einem Phoenix-Schiff eincheckt, kann sich des Gefühls nicht erwehren, einem großen Klassentreffen beizuwohnen. Passagiere grüßen das Phoenix-Team, dieses die Passagiere, neue und alte Passagiere einander und die Besatzung (315 Mann/Frau stark) untereinander sowieso. Das „Willkommen an Bord – willkommen zu Hause“ ist hier mehr als ein Slogan. 80% der Gäste der bevorstehenden Kreuzfahrt nach Südengland und Nordfrankreich („Westeuropäische Küstenhighlights“) sind Stammgäste, da kennt man sich fast zwangsläufig von vorangegangenen Reisen. Überdies ist die Amadea am heutigen Tag von einer langen Nordatlantik- und Grönland-Kreuzfahrt zurückgekehrt, auch viele Crewmitglieder und Künstler kommen daher in Bremerhaven neu an Bord, während ihre Vorgänger das Schiff wechseln, ihren Vertrag beenden oder ihren Urlaub antreten.

Familiär geht es wenig später auch auf dem Schiff selber zu. Maximal 570 Passagiere kann die „First Lady der Meere“ (Phoenix Reisen) fassen, das ist weniger als ein Zehntel dessen, was die riesige Disney Adventure aufnehmen kann, die gerade im Hafenbecken gegenüber zur Endausrüstung am Werftpier liegt. Bei diesem Vergleich treffen Welten aufeinander. Hier das ZDF-Traumschiff, das seine nicht mehr ganz jungen Passagiere (Durchschnittsalter auf dieser Reise: 72 Jahre) mit Florian Silbereisen und Herzschmerz-Romantik aus dem Fernsehen verbinden, dort der schwimmende Freizeitpark für Familien, die auf Kurzkreuzfahrten ohne Hafenanlauf selbst auf eine Achterbahn auf dem Sonnendeck nicht verzichten müssen.

Hier das schnittige Schiff Baujahr 1991, auf dem die Kabinennummern noch dreistellig sind und wo man selbst ein Kasino oder ein Kinderspielzimmer vergeblich sucht, dort der Mega Cruiser (20 Decks), auf dem die öffentlichen Einrichtungen in sieben verschiedene Themenbereiche eingeteilt werden müssen, damit niemand an Bord durcheinanderkommt oder sich verläuft. Selbst innerhalb der Phoenix-Flotte würden viele Liebhaber der AMADEA ihr Schiff nur ungern gegen die Artania oder die Amera tauschen, liegt doch die ehemalige Asuka größenmäßig näher an der alten Albatros (2020 außer Dienst gestellt) als an der „Grand Lady“ oder der ehemaligen Royal Viking Sun.

Auch die Rettungsübung kurz vor dem Auslaufen ist eine Angelegenheit im (mehr oder weniger) kleinen Kreis. Lautsprecherdurchsagen oder Megafone braucht man hier nicht. Stattdessen wird die Kabinennummer aufgerufen, und wenn der Bewohner der Kabine anwesend ist, bestätigt er dies mit einem kräftigen „Ja“. Paare antworten mit „Jaja“, und eine höhere Belegung der Kabinen ist auf der Amadea ohnehin nicht vorgesehen. Das Ganze wird auf einem Klemmbrett mit Zettel abgehakt, und auch das babylonische Sprachgewirr so manch anderen Schiffes fehlt hier. 96% der Amadea-Passagiere sind Deutsche, Österreicher oder Schweizer (manchmal ist auch ein Luxemburger, Niederländer oder Däne darunter), weshalb es auch keine englischen Durchsagen an Bord gibt. Auf einem Phoenix-Schiff ist man unter sich – demografisch genauso wie sprachlich.

Ein Kreuzfahrtschiff alter Schule

Pünktlich um 18 Uhr legt die Amadea in Bremerhaven ab, wo sie tagsüber für die kommende Reise noch 40 t Proviant an Bord genommen hat. Die Weser-Metropole ist ihr heimlicher Heimathafen; sieben Monate des Jahres beginnen und enden hier ihre Kreuzfahrten, unterbrochen „nur“ von einer Weltreise, die das Schiff in den fünf übrigen Monaten einmal um den Globus führt. Und das Jahr für Jahr. Nach 35 Jahren auf den sieben Weltmeeren gibt es daher kaum mehr einen Hafen, den dieses weitgereiste Schiff nicht besucht hat. Das vordere Treppenhaus an Bord ist nicht ohne Grund voll mit Hafen-Plaketten aus aller Herren Länder, die hiervon Zeugnis ablegen. Einer Galerie jedoch, die noch immer ständig weiterwächst.

Zum Auslaufen gibt es auch die obligatorische Sailaway-Party auf dem Sonnendeck – mit Gratis-Sekt und einem ersten Austausch bzw. Wiedersehen mit den Mitgliedern des an Bord praktisch omnipräsenten Phoenix-Teams. Die Abendsonne verschwindet malerisch hinter Windrädern und Deichen, dann lässt die Amadea die Containerschiffe von MSC, Maersk und Co. hinter sich, und schon tauscht sie die ruhige Weser gegen die kabbelige Nordsee.

Beim Abendessen im achtern gelegenen Restaurant „Vier Jahreszeiten“ geht es daher bei leichtem Wellengang etwas rumpelig zu, gestört fühlt sich dadurch aber niemand. Wir sind auf einem Schiff. Im Urlaub allerdings auch, weshalb niemand Angst haben muss, das Essen zu verpassen, wenn er nicht alle paar Minuten auf die Uhr guckt. Denn in den beiden gleichwertigen Restaurants „Vier Jahreszeiten“ (Deck 5) und „Amadea“ (Deck 8) wird in einer einzigen langen Tischzeit bei freier Platzwahl gespeist. „Lange“ bedeutet dabei von 18:30 Uhr bis 21 Uhr – wer also das Auslaufen nicht verpassen oder nach einem späten Landgang erst noch in Ruhe duschen möchte, kann sich dafür alle Zeit der Welt lassen. So viel „Freestyle Cruising“ hatte Phoenix Reisen schon erfunden, bevor andere Reedereien dieses Konzept mit viel Marketing-Rhetorik eingeführt haben.

Am ersten Abend gibt es Entenbrust, gemischten Salat, Ochsenbällchen und Apple Pie, was durchweg lecker ist, am Ende aber nur leider nicht ganz satt macht. Jedenfalls dann nicht, wenn man wie so oft am Anreise- und Einschiffungstag Frühstück und Mittagessen ausgelassen hat. Dem kann jedoch in Harrys Bar und in der Kopernikus Bar abgeholfen werden: In ersterer gibt es neuerdings bis 23 Uhr ein Büffet mit Abendsnacks und in letzterer sogar bis 1 Uhr nachts „Kopernikus-Würstchen“. Verhungern muss auf der Amadea niemand, und seekrank werden auch nicht: Auf Umwegen hat es nämlich mittlerweile auch das berühmte „Schnapsi Taxi“, eigentlich eine Erfindung der Kollegen von Aida Cruises, auf die Schiffe der Phoenix-Flotte geschafft.

Eine gute Gelegenheit, das Schiff kennenzulernen, bietet nach dem Abendessen ein geführter Bordrundgang, an dem jedoch nicht nur neue, sondern auch Stammgäste der Amadea teilnehmen. Einfach, um dabei mit dem Phoenix-Team zu plaudern oder um selbst Anekdoten und Wissenswertes zum Schiff beizusteuern.

Dass dieses wie auch die übrigen Einheiten der Phoenix-Flotte schon ein älteres Semester ist, erkennt man übrigens schon an ihrer klassischen, aber mittlerweile überholten Einteilung mit den Kabinen im vorderen Teil des Schiffes (es gibt an Bord ausschließlich Außenkabinen) und den öffentlichen Räumen, selbst der Show Lounge, achtern. Das sorgt für ruhige Kabinenkorridore, erfordert aber immer wieder ein bisschen Treppensteigen: Die Rezeption befindet sich auf Deck 5, die Bars und Lounges auf den Decks 6 und 9, und alles andere irgendwo dazwischen.

Was sich kompliziert anhört, hat aber natürlich auch viele Vorteile. Man muss sich nicht ständig durch eine Promenade von 250 Metern Länge kämpfen, um von einem Ort zum anderen zu kommen, begegnet auf den Treppen oder an den Fahrstühlen immer wieder seinen Mitreisenden und kann dabei überdies auch im Innern des Schiffes maritimes Ambiente genießen. Denn wo andere Schiffe funktionale Treppenhäuser ohne viele Schnörkel besitzen, hat man im Mini-Atrium der Amadea eine Art „Innen-Reling“ verbaut: ein Geländer, wie man es auch draußen auf dem Sonnendeck findet, mit Holz-Handlauf und weiß gestrichenen Metallstreben. Eine tolle Idee. Genauso die Arkade entlang des Shops auf Deck 6, die in Decksplanken-Optik daherkommt.

Doch auch anderswo versprüht das Fernseh-Traumschiff den Charme klassischer Passagierschiffe: Hierzu gehören holzgetäfelte Wandpaneele etwa als Trennelemente zwischen den Fahrstühlen, das schöne teak-gedeckte Promenadendeck oder auch das große Modell der alten Albatros , welches man kurz vor deren Verschrottung noch vor den Schneidbrennern retten und für die Nachwelt erhalten konnte. Es ziert heute den Eingangsbereich der Vista Lounge, die hoch oben auf Deck 10 den besten Platz bekommen hat, den man für eine Panorama-Bar finden konnte. Hier lässt es sich zu den Klängen von Live-Musik (manchmal Jazz-, manchmal Klavier-Klänge) entspannen – bei einem Rundum-Blick aufs Meer, der noch ein bisschen besser ist als der von der direkt darunter gelegenen Kommandobrücke. Für viele Stammgäste ist die Vista Lounge ihr Lieblingsplatz an Bord.

Viele andere schwören dagegen auf die auf Deck 9 gelegene Bibliothek der Amadea. Nebst „Kaminzimmer“ ist dies der Raum an Bord, den die beiden Eigner des Schiffes seit dessen Indienststellung wohlweislich fast unangetastet gelassen haben. Schwere Polstersessel laden hier zum Verweilen ein, die Bücherschränke sind im Gegensatz zu neueren Schiffen bis an den Rand gefüllt mit Romanen, Bildbänden und Schmökern aller Art, der Spiele-Schrank mit Klassikern wie Monopoly und Trivial Pursuit statt neumodischer Erfindungen wie Hitster oder Werwölfe, und durch die Fenster fällt das Sonnenlicht vom Promenadendeck. Auch mit den schier wahllos aufgehängten Zetteln im zentralen Schaukasten der Bibliothek hat es seine Bewandtnis. Sie stammen aus alten Logbüchern sowie aus „Spickzetteln“ der Kabinenstewards, die die neue Phoenix-Besatzung bei der Übergabe ebenfalls buchstäblich aus dem Müll gerettet hat. So gelingt der AMADEA, was man anderswo mitunter schmerzlich vermisst: eine ehrfürchtige Verneigung vor der stolzen Vergangenheit und dem Erbe des 1991 als ASUKA gebauten Schiffes.

Die Japanerin

Denn eine „Japanerin“ ist die Amadea noch immer ein bisschen. Zwar gehören die japanischen Reisegruppen, die nach der Übergabe der Asuka an Phoenix Reisen im Jahr 2006 zunächst noch regelmäßig Nostalgie-Kreuzfahrten mit „ihrem“ Schiff gemacht haben, inzwischen der Vergangenheit an. In der Inneneinrichtung des Schiffes findet sich jedoch noch immer mehr als nur ein Hinweis auf das einstige Flaggschiff der Reederei Nippon Yusen Kaisha (NYK). Der imposanteste davon ist das Kunstwerk „Song of the Seasons“ der japanischen Künstlerin Noriko Tamura, welches in Form eines übergroßen Wandgemäldes als Bildhintergrund des Atriums dient. Weitere Referenzen an die Historie des Schiffes finden sich in den Kabinenkorridoren, wo die Kunstwerke an den Wänden (von denen keines in Thematik oder Design dem anderen gleicht) noch immer japanische Motive wie z. B. stilisierte Kraniche über den Ruinen von Hiroshima zeigen, oder in den öffentlichen Räumen, wo die Plastikblumen unverkennbar einen asiatischen Einschlag haben.

Damit nach den unvermeidlichen Umbauten und Renovierungen an Bord keine Stilbrüche entstehen, hat Phoenix Reisen jedoch hier und da sogar Dekoration mit japanischer Anmutung dazugekauft – zu erkennen u. a. an Aufstellern in Bambus-Form oder den Teppichböden neueren Datums mit dem Muster fernöstlicher Blumen und Blüten. Selbstredend reicht das japanische Erbe der AMADEA bis hinauf zur Kommandobrücke, wo die Schiffsführung nicht nur die Original-Schiffsglocke der ASUKA in Ehren hält, sondern auch den Messing-Gong für die traditionelle japanische Tee-Zeremonie. (Alles andere würde auch Unglück bringen.) Gleiches gilt für das seit 35 auf der Brücke fest montierte Fernglas aus dem Hause Fuji, das den Offizieren nach deren Aussage mit den Jahren bessere Dienste geleistet hat als so manches hierzulande erhältliche Fabrikat.

Die Zuneigung zwischen den alten und neuen Eignern des Schiffes ist übrigens gegenseitig. Wann immer die Amadea auf ihren Weltreisen an ihren Geburtsort Nagasaki zurückkehrt (und das tut sie regelmäßig), legen die Werftarbeiter von Mitsubishi Heavy Industries für ein paar Minuten kollektiv die Arbeit nieder, versammeln sich am Werft-Kai und verbeugen sich vor „ihrem“ Schiff. Ein noch emotionalerer Moment steht Werft und Besatzung jedoch am 19. März 2026 bevor. Dann nämlich sollen sich in Nagasaki die Amadea (die erste Asuka), die aktuelle Asuka II und deren 2025 auf der Papenburger Meyer Werft gebaute Nachfolgerin Asuka III treffen. Da sind Gänsehautmomente en masse garantiert.

Einen unverkennbar deutschen Charakter trägt die Amadea nach 20 Jahren in der Phoenix-Flotte aber natürlich auch. So sind die Suiten auf Deck 10 nach deutschen Städten benannt und haben klangvolle Namen wie „Wiesbaden“, „Magdeburg“ oder „Braunschweig“; mischen sich in Harrys Bar unter Bilder von Musikinstrumenten auch Zitate von Friedrich Nietzsche und Wilhelm Busch, und stehen auf dem Sonnendeck echte Strandkörbe – ganz wie in Travemünde oder Westerland. Auch das Spendenschiffchen der DGzRS, das dauerhaft einen prominenten Platz an der Rezeption hat, findet man auf kaum einem anderen Kreuzfahrtschiff.

Darüber hinaus grüßt an Bord jeder jeden, als wäre man nicht auf hoher See, sondern im Tante-Emma-Laden nebenan, und wenn auf dem Lido-Deck der „maritime Frühshoppen“ ansteht, holt die Besatzung die Bierzelt-Bänke aus den Tiefen des Schiffes und Freddy Quinn aus der Konserve. In dessen Lied „Unter fremden Sternen“ heißt es dann: „Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong / Hab‘ ich Sehnsucht nach der Ferne / Aber dann in weiter Ferne / Hab‘ ich Sehnsucht nach zu Haus“.

Kein Songtext könnte besser zur Amadea passen und zu dem Reisegefühl, das sie vermittelt. Übrigens: Ersatzteile für die alte Mitsubishi-Dieselmaschine aus dem Jahr 1991 stellt inzwischen die deutsche Firma MAN als Maßanfertigung her, auch dies eine gelungene deutsch-japanische Kollaboration.

Musik in allen Bars

Der erste Abend an Bord steht laut Tagesprogramm (das es weiterhin jeden Abend in gedruckter Form auf die Kabine gibt und in dem auch das beliebte „Wo ist die Phoenix-Flotte heute?“ nicht fehlen darf) unter dem Motto „Musik in allen Bars“. Man soll erst einmal an Bord ankommen, und morgen steht ja ohnehin „nur“ ein See-Tag auf dem Programm.

Ab 20:30 Uhr unterhält Claus Speder, der abwechselnd die Titel „Musiker“, „Allrounder“ und „Alleinunterhalter“ führt, die Gäste in Harrys Bar, eine Stunde später tritt an derselben Stelle der schottische Ensemble-Sänger Kyle Trimble mit einer „Pop Party“ (bestehend aus Elton John-, Abba- und Madonna-Songs) auf, und auch in der Vista Lounge bzw. an der Jupiter Bar auf dem Lido-Deck braucht niemand im Stillen zu sitzen.

Das Show-Ensemble der Amadea besteht übrigens aus vier Sängerinnen und Sängern sowie sechs Tänzerinnen und Tänzern. Für Abwechslung hinsichtlich der musikalischen und choreographischen Darbietungen ist also gesorgt. Wobei neben der großen, über zwei Decks reichenden Atlantik Show Lounge am Heck oft auch Harrys Bar als Bühne dient, wenn die Vorstellung im kleineren Rahmen stattfinden soll. Dann treten dort Bauchredner und Zauberer auf, was im riesigen Theater nicht angemessen wäre. Doch auch zur Disco oder zum Ballsaal wird Harrys Bar gerne umfunktioniert. Dann finden an Steuerbord auf Deck 6 musikalische Themenabende statt, die unter dem Motto Flowerpower, Oldies oder Classic Rock stehen. Immerhin ist dies die Musik der Phoenix-Stammklientel, die zur Hoch-Zeit der Beatles oder Rolling Stones in ihrer Jugend war und die ihre zweite (oder dritte) nun auf der Amadea verlebt. Die gemütliche Harrys Bar, in der ich mir zu später Stunde am ersten Abend eine Schmalzstulle und ein Laugenbrötchen mit Fleischsalat gönne, ist das dritte kleine Juwel auf der Amadea und so etwas wie das heimliche Herz des Schiffes.

Wem der Sinn weder nach Musik noch nach Small Talk mit seinen Mitreisenden steht, für den ist das Bord-Kino die richtige Anlaufstelle – auch dies eine Institution, die in dieser Form auf modernen Kreuzfahrtschiffen zunehmend ausstirbt bzw. dem Filmprogramm auf dem Kabinenfernseher Platz macht. Mittschiffs auf Deck 6 gelegen, ist es eine herrliche Oase des Rückzugs für Cineasten und Freunde des geselligen Fernsehens, das laut Bordreiseleitung mal von 2 und mal von 20 Leuten frequentiert wird. Der Besuch ist kostenlos, und das Programm lässt sich an der Rezeption erfragen. Darüber hinaus wird das Bord-Kino auch für Lektoren-Vorträge und als Versammlungsort für Landausflüge genutzt. Verstörend ist am späten Abend lediglich der Anblick des riesigen Windparks vor den Ostfriesischen Inseln. Beleuchtet wie eine komplette Stadt, wirkt das Lichtermeer querab der AMADEA fast surreal, wo man den Tag eigentlich mit einem verträumten Blick in die Dunkelheit der Nacht beenden wollte. Die hat man im 21. Jahrhundert auch mitten auf der Nordsee erst, wenn man für die kommenden sieben Stunden die Vorhänge an seinem Kabinenfenster zuzieht. Noch länger, wenn man die Zeitumstellung mitnimmt, die einem auf der Reise nach Großbritannien auf der Hinfahrt quasi eine Stunde schenkt.

See-Tag

Die Nordsee präsentiert sich am nächsten Morgen ruhig. Das „Kleine Frühstück“ in Harrys Bar ist bereits um 6:30 Uhr aufgebaut (Frühaufsteher gibt es auf einem deutschen Schiff immer), das „richtige“ Frühstück jedoch, das in beiden Bord-Restaurants serviert wird, gibt es erst um 8 Uhr. Wer es mag, im Amadea-Restaurant als Büffet, und wer lieber am Platz bedient wird, als A la carte-Option im Restaurant Vier Jahreszeiten. Letzteres ist das elegantere von beiden, ersteres hat dafür den Vorteil, dass es zur Lido-Terrasse hin offen ist und man dort bei schönem Wetter auch an der frischen Luft speisen kann. An diesem Oktobertag vor der holländischen Küste ist die Luft allerdings arg frisch, so dass die meisten das warme Schiffsinnere für das leckere frisch gebackene Phoenix-Brot, Brötchen oder ein „English Breakfast“ mit Schinken und Rührei vorziehen.

Gut gestärkt lässt es sich sodann am Vormittag in der Atlantik Lounge bestens der Bord-Lektorin Petra Clamer lauschen, die um 10 Uhr mit einem Vortrag über „Die Nordsee – das unbeständige Meer“ passend zum See-Tag Wissenswertes zur Entstehung, Geschichte und Charakter des Meeres unter dem Kiel der Amadea vermittelt. Andere machen es sich in der Vista Lounge oder in der Bibliothek gemütlich, ehe sich morgen mit dem ersten Hafen der Reise (Dover) zumindest tagsüber der Schwerpunkt auf die Landgänge verlagert. 348 Seemeilen sind es von Bremerhaven bis Dover und damit Zeit genug, nach dem traditionell hektischen Einschiffungstag gestern nun das Schiff, die Mitpassagiere und vielleicht auch das eine oder andere Crew-Mitglied kennenzulernen.

Zu Besuch beim Kapitän

Ich selber treffe am Vormittag auf der Kommandobrücke den Kapitän der Amadea, den Niederländer Robert Fronenbroek. Jahrgang 1975, ist er ungefähr mein Alter und erweist sich als gleichermaßen weltmännisch wie schiffsbegeistert. Geboren in Zwolle und zum Nautiker ausgebildet in Amsterdam, ist er anschließend bei der niederländischen Kreuzfahrtreederei schlechthin eingestiegen – der (freilich längst amerikanischen) Holland America Line, wo er es buchstäblich vom Kadetten bis zum Kapitän gebracht hat. Auf den Phoenix-Schiffen fährt er seit 2015, zunächst auf der Albatros, dann auf der Amadea, die er sehr schätzt. „Die Amadeaist eine Lady und möchte auch wie eine solche behandelt werden“, erzählt er. Also „mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl“, was vor allem in den Häfen zum Tragen kommt, wo das Schiff öfter als andere mit Schleppern und Ankern arbeiten muss, da seine Maschine nicht so leistungsstark ist wie die der Amera oder der Artania.

Auch auf Heckstrahler hat man beim Bau der damaligen Asuka verzichtet, so dass das An- und Ablegen noch heute viel seemännisches Können erfordert. Das wiederum muss man in einer offenen Brückennock zur Schau stellen, was bei den Passagieren beliebt ist (weil sie so dem Kapitän bei der Arbeit über die Schulter gucken können), beim Kapitän selber jedoch mitunter weniger. Z. B. wenn er wie in Grönland lange Zeit bei eisiger Kälte an der frischen Luft ausharren muss oder in den Tropen die Sonne unbarmherzig auf ihn niederbrennt, wo die Kollegen auf neueren Schiffen ihre Befehle in geschlossenen und angenehm klimatisierten Räumen erteilen können. Nicht alle Phoenix-Kapitäne fahren die Amadea daher gleichermaßen gerne, man müsse sie kennenlernen und zu nehmen wissen, erklärt Fronenbroek weiter. Auch wie das Flaggschiff der Phoenix-Flotte den demnächst anstehenden Testbetrieb mit Bio-Diesel aufnimmt, weiß man an Bord noch nicht so genau. Reagiert der Mitsubishi-Diesel aus dem Jahr 1991 wohlwollend, kann man mit der Amadea auch (weiterhin) Häfen anlaufen, in denen demnächst strengere Umweltauflagen in Kraft treten. Die möchte die Reederei ihren Gästen natürlich auch weiter anbieten, das ist jedoch mit Cruise Linern älteren Baujahrs manchmal nicht so einfach. Die Zeit von Schiffen wie der Amadea unter Phoenix-Flagge ist also begrenzt; „vielleicht noch 5 bis 10 Jahre“ gibt Fronenbroek seinem Schiff.

Und dann? Steckt die Reederei (Phoenix Reisen als Veranstalter in Tandem mit der Schiffsmanagement-Firma Bernhard Schulte) in einem Zwiespalt. Einerseits muss das eingeführte Produkt bewährt familiär bleiben, ein neues Schiff sollte also auch weiterhin nur maximal 1.000 Passagiere fassen können. Andererseits muss man in der Zukunft auch neue Kundenschichten erschließen, weil die bestehenden nicht jünger werden und viele weitere inzwischen von Schiffen neuerer und größerer Bauart verwöhnt sind. Dafür braucht man aber nicht nur ein Schiff besagter moderner Bauart, sondern muss man zwischen die längeren Reisen, welche Amadea und Co. traditionell anbieten, auch kürzere einstreuen, weil Berufstätige und Familien nicht ohne weiteres zwei oder drei Wochen am Stück auf See verbringen können.

Die langen und exotischen Reisen sind es jedoch, die auch Kapitän Fronenbroek am meisten Spaß machen. Auch bzw. gerade weil dann hin und wieder die Routenplanung umgeworfen werden muss. Fällt z. B. ein Hafen wetterbedingt aus, versucht man bei Phoenix oftmals, einen Ausweichhafen zu finden, wo andere Gesellschaften der Einfachheit halber einen See-Tag einlegen. (Mit dem man im Zweifel auch mehr Geld verdient, weil die Gäste dann ihr Geld nicht an Land ausgeben können.) Einzige Bedingung: der Ausweichhafen muss weniger kosten, als man ansonsten für Treibstoff auf See ausgegeben hätte. Auf diese Weise kann der Kapitän seine Expertise einbringen, die Besatzung kann die eingeplanten Ruhezeiten einlegen, und die Passagiere sind zufrieden, weil unterm Strich nicht weniger Häfen auf ihrer Liste stehen als bei der Buchung – vom Abenteuerfaktor, einen Überraschungshafen anzulaufen, ganz zu schweigen.

In dieser Hinsicht ist die Weltreise, die die AMADEA alljährlich unternimmt, nicht nur eine besondere Herausforderung, was Planung und Vorbereitung betrifft, sondern auch jedes Mal ein Abenteuer, wenn etwas mal nicht nach Plan läuft. Dass viele Gäste zwei bis drei Jahre im Voraus auf den Wartelisten der Reederei stehen, ehe „ihr“ Schiff endlich einen bestimmten Hafen oder eine bestimmte Destination anläuft, spricht jedoch für die Politik der Reederei und ist ein Luxusproblem, das andere Anbieter in dieser Form gerne hätten. Da müsse man nur aufpassen, dass sie nicht zu den Schiffen der Konkurrenz abwandern, wenn die Wartezeit zu lange dauert, erläutert der Nautiker und „Master next God“ an Bord. Ein anderes Problem: Bestimmte Regionen lassen sich partout nicht in die Reisepläne einbauen, weil die alljährliche siebenmonatige Nordland-Saison genauso in Stein gemeißelt ist wie die anschließende Weltreise. Für ein klassisches Sommer-Ziel wie Alaska hat die AMADEA daher meist genauso wenig Zeit wie etwa für die Ägäis oder die Karibik.

Maritimer Frühschoppen

Nach einer Stunde lässt sich Kapitän Fronenbroek entschuldigen, der nächste Programmpunkt wartet auf den gefragtesten Mann an Bord: der Empfang für die Phoenix Gold-Mitglieder, all jene Gäste also, die die Suiten an Bord gebucht haben. Viele von ihnen sind Stammgäste und stellen nicht nur die zahlungskräftigste Klientel auf dem Schiff dar, sondern auch jene, die am stärksten Mund-zu-Mund-Programm für Phoenix Reisen und deren Schiffe machen. Der Bonner Reederei stehen in Sachen Marketing und Werbung nicht dieselben Mittel zur Verfügung wie den Großen der Branche, da ist jede persönliche (Weiter-)Empfehlung tatsächlich buchstäblich „Gold“ wert.

Darüber hinaus ist die Besatzung der Amadea am späten Vormittag auch noch mit der Vorbereitung eines weiteren Bord-Events beschäftigt, das auf keinem Phoenix-Schiff (und keinem deutschen Kreuzfahrtschiff ganz allgemein) fehlen darf: dem maritimen Frühschoppen. Ab 11 Uhr gibt es auf den Achterdecks 8 und 9 ein „Büffet mit maritimen Köstlichkeiten“, dazu Champagner (diesmal nicht aufs Haus) und musikalische Begleitung. Ähnliches kennt man schon von Schiffen wie Astor oder Vasco Da Gama, aber das deutsche Publikum liebt es, genauso wie sein Pendant, das im weiteren Verlauf der Reise ebensowenig fehlen darf: der bayrische Frühshoppen. Zutaten bei der maritimen Variante: Austern, Lachstörtchen und Krabbensalat, außerdem Schlager aus der Wirtschaftswunderzeit (oder noch älter), gut gelaunte philippinische Köche in Kochmütze und Thermojacke und natürlich Passagiere, die mit besagten Köchen, dem Phoenix-Team oder ihresgleichen über alte Zeiten plaudern. Wenn das Wetter so (leidlich) wie heute mitspielt, ist dies für viele bereits der erste Höhepunkt der Reise, noch ehe ihr Schiff überhaupt einen Hafen angelaufen hat.

Wer es ruhiger mag, der findet dagegen immer in der Vista Lounge einen Platz. Hier bildet das monotone Würfelklappern vier Decks über dem Pooldeck einen heimeligen Kontrast zu den Schunkelklängen und dem kalten Nordseewind weiter unten. Die Amadea selber muss derweil buchstäblich kürzertreten. Weil sie schon heute Abend schneller fahren muss, damit beim Gala-Dinner die Vibrationen nicht so stark ausfallen, wir aber morgen früh auch einen festen Zeitpunkt für das An-Bord-Kommen des Lotsens haben, belässt es der Kapitän am Vormittag bei höchst gemächlichen sechs Knoten Fahrt. Entschleunigung ist angesagt, schiffsweit. Ein schöner Kontrast zur Rund-um-Beschallung und zum „großen Fressen“ auf so manch anderem Kreuzfahrtschiff ist auch das Mittagsbüffet auf der Amadea . Das kommt nämlich komplett fast food-frei daher, was sicherlich nicht nur der weitgehenden Abwesenheit von Kindern und Jugendlichen auf dem Schiffsklassiker geschuldet ist. Burger, Bouletten oder Bratwurst such man hier vergeblich, stattdessen gibt es kleine Rippchen und Fisch-Filets sowie Variationen von Nudeln und Reis. Es muss nicht immer „Pommes Bahnschranke“ (mit Mayonnaise und Ketchup) sein.

An Deck

Und anschließend? Unternimmt man am besten einen Bummel über die Außendecks des Schiffes, die hierzu ebenfalls mehr einladen als jene auf den Mega Cruisern moderner Bauart. Phoenix Reisen beschreibt die Amadea als „überschaubar, aber dennoch weitläufig“, was es tatsächlich ziemlich gut trifft.

Das Promenadendeck auf Deck 7 führt ohne Unterbrechung einmal rings um das Schiff herum und ist überdies herrlich breit. Es dient daher gleichzeitig noch als Joggingpfad, ohne dass man als Fußgänger bei „Gegenverkehr“ sofort den Bauch einziehen oder sich jedes Mal schnell auf die Suche nach einem Erker oder einer Tür machen muss, in die man zum Ausweichen schlüpfen kann. Eine Runde rund um das Deck entspricht übrigens einer Strecke von 370 Metern. Zum Vergleich: Ihre Entsprechung auf der Icon of the Seas, dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt, ist mit 670 m fast doppelt so lang. Und noch etwas ist auf dem Promenadendeck besonders: die 18 Kabinen mittschiffs, deren Terrasse direkt auf besagte Promenade hinausführt. Ihre Bewohner haben den denkbar kürzesten Weg überhaupt hinaus an Deck, müssen dafür aber auch damit leben, dass sie hier bei schönem Wetter praktisch auf dem Präsentierteller sitzen. Das muss man mögen – oder aushalten können.

Am Heck sind die Decks der Amadea terrassenartig abgestuft, so dass man dort wie in einem Amphitheater einen schönen Blick auf das Geschehen rund um den Pool weiter unten oder auch nur auf das Meer und die Landschaft ringsum hat. Und da alle öffentlichen Räume an Bord achtern angeordnet sind, hat man es an Bord auch nie weit, wenn man frische Luft schnappen möchte – egal, ob man nun gerade aus dem Amadea-Restaurant, der Kopernikus-Restaurant oder aus dem Spa kommt. Nur einen kleinen Schönheitsfehler hat dieses Konzept: Wenn alle Kabinen vorne im Schiff liegen, der Pool aber achtern, gibt es keinen kurzen Weg, der beides miteinander verbindet – außer mitten durch das Restaurant hindurch. Wer plantschen will, muss also immer auch Treppen steigen.

Apropos Treppensteigen: Auch so ganz barrierefrei ist die Amadea nicht, worauf die Reederei jedoch hinweist. Da nicht jeder Hafen über eine höhenverstellbare „Passagierkanone“ wie das Columbus Cruise Center Bremerhaven verfügt und einige Häfen, die die Amadea anläuft, über einen beträchtlichen Tidenhub verfügen, sollte jeder Passagier zumindest die Gangway des Schiffes selbständig herauf- und wieder hinunterlaufen können. Und auch das Sonnendeck der Amadea (Deck 11) lässt sich nur über Treppen erreichen – die Fahrstühle des Schiffes führen nämlich nur bis nach Deck 10.

Im Gespräch mit der Kreuzfahrtdirektorin

Doch was hat sich in den 20 Jahren, seit die Amadea Teil der Phoenix-Flotte ist, an Bord verändert? Was hat sie zum ZDF-Traumschiff prädestiniert, welche Veränderungen stehen ihr noch bevor? Das wollen wir am Nachmittag von Manuela Bzdega wissen, der Kreuzfahrtdirektorin an Bord. Wir treffen sie, wo sonst?, in einer ruhigen Minute zwischen ihren diversen anderen Verpflichtungen in Harrys Bar.

Bzdega, deren Kreuzfahrtkarriere einst auf der Astra II begonnen hat, ist eines der prominentesten Gesichter an Bord, spätestens seitdem ihr die Fernsehserie „Verrückt nach mehr“ (unfreiwillig) zu einer Rolle im Rampenlicht verholfen hat.

Der größte Vorzug der Amadea?, möchten wir wissen. Dass viele Programmpunkte nur einmal stattfinden, erwidert sie, nicht zweimal wie auf der größeren Artania oder Amera. Das erleichtert nicht nur die Bord-Organisation, sondern schweißt auch die Passagiere zusammen. Auch deshalb ist die Amadea Fernseh-Traumschiff geworden – mit ihren maximal 570 Passagieren kommt sie ihrer Vorgängerin, der Deutschland der Reederei Deilmann, größenmäßig am nächsten.

Ein bisschen nachhelfen müsse man dann aber doch, wenn für die Fernsehfilme an Bord gedreht wird, erzählt Bzdega weiter. Dann wird aus dem Ruheraum des Spa auf Deck 10 achtern vorübergehend eine Bar (wenn es sein muss auch mehrmals auf ein- und derselben Reise), die Lounges zur Hälfte für die normalen Passagiere gesperrt, und wer sich als Komparse zur Verfügung stelle möchte, kann sich in die entsprechenden Listen eintragen, die an der Rezeption ausliegen. Bis zu 80 Mann stark ist zuweilen die Film-Crew des ZDF an Bord, was durchaus als Reisemangel durchginge, wenn die Reederei über anstehende Dreharbeiten nicht ebenfalls jedes Mal vorab informieren würde.

Die Amadea selber muss man für die Dreharbeiten aber zum Glück nicht umbauen, denn an ihr sind die vergangenen 35 Jahre erstaunlich spurlos vorübergegangen. Ihre öffentlichen Räume sind alles in allem noch immer an demselben Platz, an dem sie auch schon 2006 gewesen sind, nur Türen habe man hier und da versuchsweise versetzt, erzählt die Kreuzfahrtdirektorin. (Einzige Ausnahme: das „Asuka“-Zimmer, in dem früher traditionelle japanische Tee-Zeremonien stattgefunden haben, heute jedoch eine Tischtennisplatte beherbergt.) Auch habe man sukzessive die Badewannen aus den Kabinen-Bädern entfernt – nicht in erster Linie des Gewichts wegen, sondern weil die oftmals rüstige, aber doch eben nicht mehr ganz so junge Phoenix-Klientel regelmäßig Schwierigkeiten hatte, in diese ein- und auszusteigen.

Überhaupt lag auf den Kabinen zuletzt das Hauptaugenmerk bei den Renovierungen, was bei einem Schiff, das regelmäßig mehrere Wochen am Stück auf Reisen ist, nicht verwundert. So wurden 2024 vor allem die Suiten und Junior-Suiten neugestaltet. Davor hatte man 2020/21 die corona-bedingte Zwangspause von 19 Monaten dazu genutzt, das Schiff komplett zu renovieren und zu modernisieren.

Ihre nächste Werftzeit steht im Herbst 2026 an, vorher jedoch wird Jubiläum gefeiert. Am 12. März 2026 nämlich fährt die Amadea genau 20 Jahre unter Phoenix-Flagge. Und auch wenn Manuela Bzdega fünf Monate vorher noch keine Details verraten kann, laufen die Planungen zu dem runden Jubiläum hinter den Kulissen bereits auf Hochtouren.

Bis dahin hält sie und ihr Team jedoch auch der Bordalltag fest im Griff. So erzählt die gelernte Arzthelferin, deren Schiffskarriere als Kinder-Animateurin begonnen hat, dass auf der aktuellen Reise noch fünf Kabinen frei seien, worüber vielleicht nicht die Reederei, jedoch sehr wohl das Housekeeping-Team einigermaßen froh ist. Denn irgendetwas könne auf einer Kreuzfahrt immer passieren, das einen kurzfristigen Umzug erforderlich mache: technische Defekte wie ein Wasserrohrbuch oder ein Stromausfall, aber auch ganz menschliche – harmlosere wie permanentes Geschnarche oder auch handfeste Ehekrisen, die an Bord genauso vorkommen wie an Land.

Eine andere Herausforderung, die jene Kreuzfahrtschiffe eher nicht kennen, deren wöchentliche Kurzreisen keine Langeweile kennen: die Passagiere buchstäblich bei Laune zu halten, wenn mal kein „Land in Sicht“ ist oder wenn Routen wetterbedingt umgeworfen werden müssen. Dann müssen die Bord-Lektoren zu Überstunden animiert werden, muss die Crew ihre künstlerischen oder andere Talente zur Schau stellen, oder die Passagiere selber werden angeleitet, das Heft in die Hand zu nehmen – und bildet dann schon mal einen „Gästechor“, der mit einem eigenen Programm die Bühne der Atlantik Lounge übernimmt.

Immer jedoch dabei: das Phoenix-Team, das man Tag und Nacht an seinen markanten türkisfarbenen Pullovern erkennt und das sich rund um die Uhr unter die Passagiere mischen darf – etwas, worauf auf anderen Schiffen die fristlose Kündigung steht. Auch dieses acht- bis elfköpfige Team zusammen- und „auf Linie“ zu halten, ist der Job der Kreuzfahrtdirektorin, die jedoch betont, welch hohen Stellenwert im Hause Phoenix die persönliche Ansprache und der persönliche Kontakt zu den Passagieren besitzen. Hierzu zählen auch Begrüßung und Verabschiedung an der Gangway – Erinnerungen, die die Passagiere den ganzen Tag oder sogar den Rest ihres Lebens begleiten. Und so ist auch Manuela Bzdega praktisch rund um die Uhr im Dienst, oder zumindest rund um die Uhr erreichbar. Ein Kreuzfahrtschiff wie die Amadea schläft nie.

Gala-Abend

Am Nachmittag des ersten Reisetages geht es in der Folge beschaulich zu. Zwar sollte man meinen, dass nach Frühstück, Frühschoppen und Mittagsbüffet niemand an Bord um 15:30 Uhr schon wieder ernsthaft Hunger oder Appetit haben kann, dem ist aber dennoch so. Jedenfalls erfreut sich das Amadea-Restaurant um diese Zeit eines erstaunlichen Zulaufs, aber natürlich sind die angebotenen Kuchen, Torten und Sandwiches auch wirklich lecker. Da fällt es schwer, nicht zuzugreifen. Und die Landgänge, für die man sich vorgenommen hat, etwaige zugelegte Kalorien wieder abzulaufen, kommen ja auch erst noch.

Ein wenig Abhilfe schafft ja auch das Bordprogramm. Vielleicht nicht gerade das gemeinschaftliche Bingo-Spiel mit Laura und Jeanette in Harrys Bar (16:15 Uhr), aber womöglich schon eher die „Sitzgymnastik mit Tobias“ in der Kopernikus Bar (16:00 Uhr). Auch „Walk a Mile“ (ebenfalls mit Tobias) steht für den Nachmittag auf dem Programm oder ein Kennenlern-Treff mit der Bordärztin – wer weiß, wozu es gut ist. Es mag Bord-Veranstaltungen geben, die spektakulärer sind als diese, aber für die ist die AMADEA das falsche Schiff. In jeden Fall sind die Passagiere mit Eifer dabei, das ist die Hauptsache.

Und ab 17 Uhr haben die meisten von ihnen sowieso Wichtigeres im Sinn, denn da laufen längst die Vorbereitungen für den ersten Gala-Abend der Reise.  Im Tagesprogramm wird mehrmals auf den festlichen Rahmen hingewiesen („Bekleidungshinweis: Gala, heute Abend“), verpassen dürfte ihn also niemand. Zumal der festliche Teil desselben bereits um 17:15 Uhr mit dem obligatorischen „Shakehands“ mit Kapitän und/oder Kreuzfahrtdirektorin nebst Erinnerungsfoto beginnt. Wer dies nicht wünscht, nutzt den Eingang auf der Boutique-Seite der Atlantik Lounge, in der es vor dem Essen ebenfalls in bester Kreuzfahrttradition erst noch den „Cocktail zum Beginn der Reise“ gibt. In dessen Rahmen werden Schiffs- und Hotelleitung, die Kreuzfahrtdirektion, das Phoenix-Team sowie die Bordkünstler namentlich vorgestellt, was naturgemäß eine Weile dauert und den ersten schon Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte, noch ehe um 18:30 Uhr das eigentliche Gala-Dinner beginnt. Kapitän Fronenbroek und Kreuzfahrtdirektorin Manuela Bzdega präsentieren ihre jeweiligen Teams jedoch mit viel Charme, so dass die Veranstaltung wohltuend kurzweilig ausfällt.

Das Gala-Dinner selber wird gleichermaßen im Amadea- und im Restaurant Vier Jahreszeiten serviert, es gibt an Bord jedoch noch ein drittes A la carte-Restaurant. Das „Pichlers“, benannt nach Fritz Pichler, dem Culinary Director (Flottenchefkoch) von Phoenix Reisen, wurde 2024 an Bord der Amadea eingeführt. Baulich auf Deck 8 an der Steuerbordseite vom Amadea-Restaurant abgetrennt, verfügt dieses Spezialitäten-Restaurant über 42 Plätze und ist reservierungspflichtig. Jeder Passagier soll jedoch mindestens einmal im Rahmen einer Kreuzfahrt die Möglichkeit haben, „einen besonderen Abend“ im Pichlers zu verbringen. Das Menü selber ist kostenlos, im Gegensatz zu den beiden Hauptrestaurant muss man hier jedoch die Getränke extra zahlen.

Mit dem Anlauf in Dover am morgigen Tag stehen einige Ganztagesausflüge nach London auf dem Programm, weshalb sich viele Passagiere nach dem opulenten Gala-Dinner früh in ihre Kabinen zurückziehen. Von den übrigen findet sich jedoch eine kleine Zahl um 20:30 Uhr im Bord-Kino ein. Gezeigt wird dort „Die Legende vom Ozeanpianisten“, aber der Film ist noch keine fünf Minuten alt, da hakt der bordeigene DVD-Player. Einer aus der Runde eilt zur Rezeption, die schickt einen Techniker, und das Problem wird behoben. Der Film wird von Neuem abgespielt, hakt jedoch nach 30 Minuten erneut. Wieder entsenden die Cineasten einen der ihren, wieder kommt der Techniker, diesmal allerdings bleiben DVD oder DVD-Player kaputt. Wie sagte noch Kapitän Fronenbroek – die Amadea ist eine Lady und möchte auch wie eine solche behandelt werden? In diesem Fall ist sie zickig, so dass die Reederei als kleinen Trost ein Glas Sekt spendiert. Den Rest des Abends verbringen die verhinderten Kinogänger zusammen mit ein paar Nachteulen und Claus Speder in Harrys Bar, wo es zu später Stunde heißt „Die Tanzfläche ist eröffnet“.

Abschied

Wenn für die Passagiere der nächste Tag früh beginnt, beginnt er für die Schiffsführung sehr früh. Um 5 Uhr, zwei Stunden vor der geplanten Ankunft in Dover, nimmt die Amadea vor der englischen Küste den Lotsen an Bord. Er hilft dem Kapitän und den Offizieren dabei, die Position von Strömungen und Wellenbrechern in der Dunkelheit der Nacht richtig einzuschätzen, während die Rotterdam vor uns und diverse Kanalfähren hinter und neben uns das gleiche Ziel ansteuern wie wir. Um Punkt 7 Uhr ist es jedoch geschafft, und die Amadea hat in „Dover Western Docks“, der ehemaligen Anlegestelle der ebenso ehemaligen hiesigen Eisenbahnfähren, festgemacht.

Unter Deck geht damit jedoch der Stress erst richtig los. Seit dem Frühjahr 2025 verlangen die britischen Behörden neben dem Reisepass für die Einreise nach Großbritannien auch noch einen kostenpflichtiges ETA-Nachweis, eine Art Touristen-Visum, das sich jedoch nicht so nennen will. Beides wird vor dem Landgang direkt an Bord kontrolliert, gleich nach dem Frühstück (ab 6:30 Uhr) heißt also: Antreten zur Passakontrolle in, natürlich, Harrys Bar. Da jedoch der erste London-Ausflug bereits um 7:45 Uhr aufbricht, ist das Zeitfenster eng und die Stimmung angespannt. Die Beamten sind jedoch schnell und freundlich, so dass das leidige Procedere zügig über die Bühne geht.

Elf Stunden bleiben den Passagieren nun, um London, Canterbury, Sandwich oder Dover selber zu erkunden, ehe die Amadea um 18 Uhr wieder die Leinen losmacht und ihre Kreuzfahrt fortsetzt – nach Portland, Brest, Lorient, La Rochelle, Bordeaux, Guernsey, Honfleur, Zeebrügge, Amsterdam und zurück nach Bremerhaven. Das Bordprogramm stellt für den heutigen Tag sogar einen „Sonne-Wolken-Mix“ in Aussicht, was jedoch beim Blick aus dem Kabinenfenster arg euphemistisch erscheint. Sonne ist jedenfalls keine in Sicht, doch davon haben sich erfahrene Kreuzfahrer, wie sie die Mehrzahl der Amadea-Passagiere bilden, noch nie abschrecken lassen.

Der Autor dieser Zeilen verlässt die Amadea nach der zweitägigen Stippvisite schweren Herzens. Sie ist nicht das größte, neueste oder bunteste Schiff auf dem deutschen (geschweige denn internationalen) Kreuzfahrtmarkt, aber das will sie auch gar nicht sein. Das Flaggschiff der Phoenix-Flotte steht vielmehr für ein klassisches Produkt, das den traditionellen Gala-Abend genauso pflegt wie Shuffleboard, Bibliothek und Bord-Kino, das aber gleichzeitig so entspannt und familiär daherkommt, als reiste man im Kreis einer eingeschworenen Reisegesellschaft.

Überdies ist das Schiff nach 35 Jahren auf See (davon 20 unter Phoenix-Flagge) weiterhin so gut in Schuss und auf der Höhe der Zeit, dass der Kreuzfahrttester Douglas Ward ihm in der neuesten Ausgabe seines „Insight Guide“ wohlwollend vier Sterne zugesteht. Phoenix Reisen kann sich glücklich schätzen, dieses kleine Schiffsjuwel sein Eigen zu nennen und tut gut daran, der „First Lady der Meere“ in den kommenden Jahren auch weiterhin die nötigen Updates und Modernisierungen zu geben, die der Amadea den Platz im Herzen so vieler Stamm- und anderer Gäste an Bord sichern.

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Kai Ortel

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