Le Commandant Charcot: Ein Luxus-Eisbrecher


Dieses Schiff ist weltweit einzigartig. Es kann mühelos polares Packeis brechen, wird umweltfreundlich mit LNG betrieben und ist mit einem eigenen Wissenschaftslabor ausgestattet. Ihre Gäste genießen dabei allerhöchsten Luxus und fahren auf den vielleicht spektakulärsten Kreuzfahrtrouten der Welt.

Allein ihr Name ist Programm. Jean-Baptiste Charcot (1867 – 1936) war Universalgelehrter – Arzt, Seemann und Wissenschaftler in einem, dazu Abenteurer und Humanist. Zwei Antarktisexpeditionen (1903 bis 1905 und 1908 bis 1910) führten ihn nach „Terra Australis“, unzählige weitere nach Grönland, Spitzbergen und ins Nordpolarmeer. Diverse Buchten und Gletscher tragen heute seinen Namen, dazu eine französische Forschungsstation sowie ein Forschungsschiff (beide inzwischen ausgemustert). Noch zu Lebzeiten in die französische Akademie der Wissenschaften aufgenommen, erhielt Charcot nach seinem Tod ein Staatsbegräbnis in Notre Dame. Mehr Ruhm und Ehre geht nicht.

Nun gereicht der Name also auch noch einem Kreuzfahrtschiff zur Ehre, das mindestens genauso einzigartig ist wie Frankreichs berühmtester Polarforscher selber. Bereits 2015 entwarf die Compagnie du Ponant ein Schiff, das gleichzeitig Eisbrecher und Luxus-Kreuzfahrtschiff sein sollte, seine Gäste also weiter polwärts bringen sollte als jedes andere Schiff vor ihm. Doch nicht nur das, auch in Sachen Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit sollte der Luxus-Eisbrecher neue Maßstäbe setzen und mit LNG und Batterien statt mit Diesel betrieben werden. Doch weder ein packeis-taugliches Passagierschiff noch einen Kreuzfahrer mit Elektro-Hybrid-Antrieb gab es damals, die Reederei betrat also mit Design und Layout der Le Commandant Charcot in jeder Hinsicht Neuland.

Poltauglich

Sechs Jahre dauerte es daher, ehe die Le Commandant Charcot im Sommer 2021 auf Probefahrt gehen konnte – und sich dabei standesgemäß als erstes französisches Schiff überhaupt den Weg durchs arktische Packeis zum geographischen Nordpol freibrach. Denn während die meisten Expeditionskreuzfahrtschiffe über die Eisklasse PC6 verfügen („Betrieb im Sommer und Herbst in mittelstarkem einjährigem Eis“), hat Ponant die Le Commandant Charcot zusammen mit Aker Arctic mit einem Rumpf ausgestattet, der ihr zur „Polar Class 2“ verhilft und damit einen „ganzjährigen Betrieb in polaren Gewässern mit moderatem, mehrjährigem Eis“ erlaubt. Nur russische Atomeisbrecher sind noch robuster, deren Touristenfahrten jedoch 2022 eingestellt wurden. (Eine Mittelstellung nehmen die Kreuzfahrtschiffe SH Minerva, SH Vega, National Geographic Resolution und National Geographic Endurance ein, die über die PC5 verfügen.)

Darüber hinaus ist die ‚Charcot’ als „Double Acting Vessel“ ausgelegt: Ihre beiden selbstredend eisfesten Antriebsgondeln (Azipods) sind um 360° drehbar, was dem Schiff außergewöhnliche Manövrier-Eigenschaften verleiht. Sogar eine zweite Kommandobrücke steht den Offizieren für die Navigation durchs zur Verfügung.

Kein Geheimnis ist aber auch, dass das einzigartige Schiff für seine Reederei mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden war. Umgerechnet 274 Mio. € hat die Le Commandant Charcot ihren Eigner gekostet; die im selben Jahr wie sie abgelieferte Spirit of Adventure, die doppelt so groß ist und viermal mehr Passagiere fassen kann als die ‚Charcot‘, war nur unwesentlich teurer. Dafür übertrifft das Ponant-Schiff besagte Spirit of Adventure in Sachen Leistung – 42.000 kW an Bord der Le Commandant Charcot stehen einer Leistung von nur 21.000 kW bei dem „Schönwetterschiff“ der britischen Saga Cruises entgegen. Und in einem Punkt kann es die Le Commandant Charcot sogar mit der riesigen Queen Mary 2 der Cunard Line aufnehmen – ihr Tiefgang ist aufgrund des schweren Rumpfes mit zehn Metern so beträchtlich, dass das verhältnismäßig kleine Polar-Expeditionsschiff anlässlich seiner Pressevorstellung im Hamburger Hafen am Hochsee-Kreuzfahrtterminal Steinwerder festmachen musste. Schiffen mit zehn Metern und mehr Tiefgang ist nämlich aus Sicherheitsgründen die Fahrt über den Alten Elbtunnel hinweg untersagt.

Emissions- und geräuscharm

Mit viel Stolz präsentiert daher die komplette Führungsriege von Ponant Cruises zusammen dem deutschen Vertriebsbüro an diesem April-Sonntag das Flaggschiff der Reederei. Ponant- Präsident Hervé Gastinel höchstselbst begrüßt die Gäste im Bord-Theater und stellt Schiff und Reederei zusammen mit Patrick Marchesseau (Kapitän), Mathieu Petiteau (Neubau-Direktor) und Steven Moir (Expedition Leader) vor.

Zwei Aspekte stehen dabei besonders im Vordergrund: die Umweltfreundlichkeit der Le Commandant Charcot und ihre hybride Rolle als Passagier- und Forschungsschiff, die den Kreuzfahrer weltweit einzigartig macht. Ziel ihrer Kreuzfahrten ist immerhin nicht weniger als die „Verbindung von Reisen und Sinn, Wissen und Weltoffenheit, Abenteuer und neuen Entdeckungen“, wie die Reederei schreibt. Doch der Reihe nach.

Anderthalb bis zwei Monate kann die Le Commandant Charcot, von Ponant als „revolutionäres Polarexpeditionsschiff mit Hybridantrieb“ gepriesen, mit LNG in die polaren Regionen fahren. Zwei riesige Bord-Tanks mit einem Fassungsvermögen von zusammen 4.500 m3 machen dies möglich. (Technisch gesehen verfügt das Schiff über eine Dual Fuel-Maschine, die im Notfall auch mit Dieselöl betrieben werden kann.)

Und wenn Wal- oder andere Tierbeobachtungen anstehen, wird auf Batterie-Modus umgestellt; eine Stunde lang kann das Schiff dann nicht nur emissions-, sondern auch geräuschlos durchs Eis gleiten. Selbst wer es dabei warm haben möchte, braucht jedoch kein schlechtes Gewissen zu haben: Die Wärme, mit der die Bänke an Deck und die Pools an Bord beheizt werden, stammen aus der antriebseigenen Energierückgewinnung. Überdies werden sämtliche Abfälle und Abwässer an Bord sortiert und aufbereitet, während man auch auf Einweg-Plastik komplett verzichtet. Statt Plastikflaschen oder Tetra-Packs stellt Ponant hochwertige Mehrwegflaschen zur Verfügung, die jederzeit mit dem an Bord wiederaufbereiteten Wasser befüllt werden können.

Ein (Forschungs-)Schiff im (Kreuzfahrt-)Schiff

Die Nachhaltigkeit der Le Commandant Charcot ist nicht zuletzt den Wissenschaftlern an Bord ein Anliegen, denn solche bevölkern – auch dies einmalig – rund um die Uhr das Schiff. Im Rahmen der Pressevorstellung im Hamburger Hafen erläutern Prof. Christian Haas und Dr. Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven das Konzept. So erlauben zwei Labore im Bauch der Le Commandant Charcot wissenschaftliche Forschungen während des laufenden Kreuzfahrtbetriebs, was für die Forscher gleich in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall ist. Zum einen gibt es derzeit überhaupt nur vier poltaugliche westliche Forschungsschiffe (die amerikanische Polar Sea, die kanadische John G. Diefenbaker, die norwegische Kronprins Haakon und die deutsche Polarstern) und zum anderen sind diese nicht immer dort, wo die Wissenschaftler sie für ihre jeweiligen Forschungen gerne hätten.

Die Le Commandant Charcot dagegen kehrt seit ihrer Indienststellung zuverlässig jedes Jahr gleich für mehrere Monate am Stück in die hohe Arktis bzw. in die tiefe Antarktis zurück. Das macht die Forschungsarbeiten der Wissenschaftler nicht nur langfristig planbar, sondern erlaubt ihnen auch ganze Messreihen, wo sie ansonsten nur Stichproben nehmen können. Entsprechend begeistert zeigen sich nicht nur die AWI-Forscher von der einzigartigen Möglichkeit, ihr Labor auf der Polarstern gegen das auf dem französischen Kreuzfahrtschiff eintauschen zu können. Welches auch nicht nur moderner ausgerüstet ist (die Polarstern ist Baujahr 1982), sondern auch den direkten Kontakt mit der interessierten Öffentlichkeit erlaubt, der die Forschung am Ende schließlich dienen soll. Dass diese in Form begeisterter Passagiere dann auch noch im Rahmen der Möglichkeiten an den Forschungen partizipiert, ist schließlich das Sahnehäubchen. 19 bis 23 Experten und Wissenschaftler begleiten die Le Commandant Charcot auf jeder ihrer Reisen. Ein Schiffslabor als Feigenblatt für eine Luxus-Reederei? Von wegen!

Zu den letzten weißen Flecken der Landkarte

An erster Stelle steht aber dennoch das Expeditionserlebnis für die zahlenden Gäste, die mit der Le Commandant Charcot zu Destinationen aufbrechen, die man vermutlich nur einmal im Leben besucht. Die Namen Blosseville-Küste, Marguerite Bay und Marie Byrd-Land sagen Ihnen nichts? Das ist nicht schlimm, kein anderes Schiff außer der Le Commandant Charcot kann diese vielleicht abgelegensten Flecken der Erde besuchen.

In der Antarktis gehören auch die Bellinghausen-See, das Weddell-Meer mit dem Larsen-Schelfeis und das Rossmeer zu den Zielen des Ponant-Eisbrechers – Ziele, die zu erreichen ohne eisverstärkten Rumpf unmöglich ist. Zur Belohnung winken die Kolonien der majestätischen Kaiserpinguine, der Anblick der seltenen Ross-Robbe oder die Fluke eines Blauwals.

Im hohen Norden dagegen kreuzt die Le Commandant Charcot zum geographischen und magnetischen Nordpol, entlang der grönländischen Küste, an den Ufern Spitzbergens und durchquert die Nordwestpassage – Hundeschlittenfahrten, Zodiac-Ausfahrten und Schneeschuhwanderungen inklusive. Ponant verspricht dabei „nicht die gleichen Strapazen wie die wagemutigen Entdecker, aber die gleichen intensiven Emotionen“.

Auch Übernachtungen im Zelt bietet Ponant auf seinen Kreuzfahrten im arktischen Sommer an – ein lokaler Eisbärwächter hält dabei natürlich vor dem Zelteingang Wache, damit nichts dazwischenkommt. Ohne die Hilfe der Inuit geht in der Arktis aber sowieso nichts, betont Expedition Leader Steven Moir. Zum Dank dürfen diese an Bord dann buchstäblich leben „wie Gott in Frankreich“ und während ihrer kurzen Auszeit vom harten Leben auf dem Eis im Pool der Le Commandant Charcot schwimmen lernen. Das nämlich gehört zu den wenigen Dingen, welche die Ureinwohner Grönlands und Nord-Kanadas erstaunlicherweise traditionell nicht können.

Respekt zollt Ponant den Inuit auch damit, dass sämtliche öffentlichen Räume an Bord Namen aus der Sprache der indigenen Bevölkerung der Arktis tragen. Von der Observation Lounge „Anori“ (Wind) über die Restaurants „Nuna“ (Erde) und „Sila“ (Luft) bis hin zur Sauna „Ikuma“ (Feuer), dem Snow Room „Siku“ (Eis) und dem Innenpool „Imaq“ (Ozean) dürften sich die Inuit-Besucher zumindest sprachlich an Bord wie zu Hause fühlen. Nur beim Außenpool „Blue Lagoon“ hat Ponant aus unerfindlichen Gründen eine Ausnahme gemacht.

Fünf Sterne-Luxus

Was die Einrichtung des Schiffes selber betrifft, könnte dagegen der Kontrast zwischen dem entbehrungsreichen Leben der Inuit in der Arktis und dem Luxus, den die LE COMMANDANT CHARCOT bietet, nicht größer sein. Die Innenarchitekten Jean-Philippe Nuel und Jean-Michel Wilmotte haben versucht, an Bord ein Interieur zu schaffen, das mit der Landschaft draußen harmoniert, was ihnen durchweg gelungen ist. Von den sieben Kabinenkategorien für die maximal 245 Passagiere an Bord sind allein sechs Kategorien Suiten mit einer Größe von 28 bis 115 m2.

Selbst die Standard-Außenkabinen „Prestige“ stellen aber mühelos ihre Pendants auf den Schiffen der Mitbewerber in den Schatten. Der Wellnessbereich der Le Commandant Charcot kommt auf stattliche 430 m2 Größe, Massagekabinen und Friseur verfügen über Meerblick, und selbst das Helikopter-Deck am Bug des Schiffes ist bei gutem Wetter für die Passagiere zugänglich. Auf diesem Schiff dürfen die Passagiere (fast) alles.

Auf den Teller kommt während der Kreuzfahrt feinste Gourmet-Küche aus dem Hause Alain Ducasse. Mit dem französischen Sternekoch arbeitet Ponant seit 2016 zusammen, die Gäste der Le Commandant Charcot können an Bord also Service und Gerichte erwarten wie in den edlen Restaurants des Star-Kochs in Frankreich und Monaco. Bereits das Menü vom Gala-Dinner während der Pressevorstellung des Schiffes in Hamburg kann sich sehen lassen. Als Vorspeisen gibt es karamellisierte Mais-Velouté mit Comté-Käse Crumble bzw. Königskrabben-Tartar mit Oscietra-Kaviar, als Hauptspeise wahlweise Seebrassen-Filet mit Salatcreme oder Rinderfilet mit gerösteten Haselnüssen und als Nachspeise die Le Commandant Charcot im Maßstab 1:1000 aus Schokolade. Ein Gang ist wohlschmeckender und kunstvoller präsentiert als der andere und ergibt zusammen mit frischen Brötchen aus der Bordbäckerei und dem erstklassigen Hauswein von Ponant ein perfekt abgestimmtes Ensemble. Dass das Schiff selber kurz zuvor vom Kreuzfahrtterminal abgelegt hat, um zur Elbphilharmonie und zurück zu fahren, um seinen geladenen Gästen sozusagen eine Hafenrundfahrt „de Luxe“ zu bieten, war ein weiterer Höhepunkt dieses an Höhepunkten nicht eben armen Events.

Abzüge gab es allenfalls für das typisch hamburgische Schietwetter und die Tatsache, dass das Regenwasser, an das ein Schiff wie die Le Commandant Charcot eigentlich gewöhnt sein sollte, partout nicht ablaufen wollte und man an Deck plötzlich mitsamt Abendgarderobe in knöcheltiefen Pfützen stand. Ein kleiner Schönheitsfehler, aber der einzige weit und breit.

Der Besitzer von Ponant Cruises

Eigner des Unternehmens und damit auch der Le Commandant Charcot ist nämlich seit 2015 kein geringerer als François Pinault, französischer Unternehmer (Gucci, Yves Saint Laurent, Christie‘s), Kunstsammler und Multimilliardär. Acht Schiffe (davon sieben Neubauten) sind seit seiner Übernahme der Reederei zur Flotte von Ponant dazugestoßen, und Pläne für ein weiteres gibt es ebenfalls bereits: Das „Zero Impact“-Schiff, das momentan entworfen wird, soll ganz ohne fossile Treibstoffe auskommen und demzufolge komplett emissionsfrei fahren. Wie 2015 bei der Le Commandant Charcot steckt die entsprechende Technologie noch in den Kinderschuhen, aber davon will sich Ponant abermals nicht abschrecken lassen. 2027 soll es soweit sein, dann geht in Marseille oder Le Havre für Ponant das nächste revolutionäre Kreuzfahrtschiff an den Start. Chapeau!

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Kai Ortel

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