Für die meisten Reisenden ist die tiefe Stille einer arktischen Landschaft – nur unterbrochen vom Knirschen und Verschieben des Packeises oder vom Auftauchen eines Wals neben einem Zodiac – der eigentliche Grund, eine Expeditionskreuzfahrt zu wählen. Für eine wachsende Zahl von Kindern, die in dieser Saison mit Hapag-Lloyd Cruises reisen, gleicht diese Stille dagegen immer mehr einem Klassenzimmer.
Das „Young Explorers“-Programm der deutschen Reederei ist derzeit auf ausgewählten Arktis-Kreuzfahrten nach Island, Spitzbergen und Grönland im Einsatz und bringt Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren auf unmittelbarste Weise mit der Polarforschung in Berührung: nicht über Lehrbücher, sondern beim Beobachten von Plankton unter dem Mikroskop, beim unmittelbaren Erleben kalbender Gletscher und gelegentlich beim Beobachten eines auf dem Eis liegenden Walrosses. An Bord der drei kleinen Expeditionsschiffe der Reederei, HANSEATIC nature, HANSEATIC inspiration und HANSEATIC spirit, wird die Natur selbst zur Lehrerin.
Das Programm ist bewusst nicht nach einem starren Schema aufgebaut. Die Zodiacs navigieren zwischen Eisbergen hindurch; Wanderungen führen durch die ursprünglichen, von Gletschern geprägten Landschaften Grönlands; und mit etwas Glück tauchen Walrosse und Robben so nah auf, dass sie über längere Zeit beobachtet werden können. Wetter, Eisbedingungen und die Genehmigungen der örtlichen Behörden bestimmen letztlich, wie jeder Tag verläuft – eine Erinnerung daran, dass in der Arktis die Umwelt den Reiseverlauf vorgibt und nicht umgekehrt.

Begleitet werden die jungen Gäste von einem Team aus Expeditionsexperten, zu dem auch der Glaziologe Benjamin Schröter gehört. Er hat seine berufliche Laufbahn darauf ausgerichtet, die Vorgänge in Ozeanen, Gletschern und Polarregionen so zu vermitteln, dass sie selbst die Aufmerksamkeit eines zehnjährigen Kindes fesseln können. Sein Ansatz setzt ganz bewusst stärker auf unmittelbare Erfahrungen als auf Erklärungen im Klassenzimmer. Kinder wollen Dinge selbst erleben, erklärt er. Und wenn sie einen Gletscher sehen oder zum ersten Mal einen Wal beobachten, bleibt diese Erinnerung in der Regel für immer. Genau diese Reaktion möchte er erreichen: ein Kind, das sich am Ende des Tages zu ihm umdreht und sagt, es sei der beste Tag seines Lebens gewesen. Genau deshalb, so sagt er, übt er diesen Beruf aus.

Young Explorers wurde konzipiert, um das Expeditionsprogramm von Hapag-Lloyd für Erwachsene zu ergänzen und nicht zu ersetzen. Die Aktivitäten orientieren sich an dem, was Kinder und Jugendliche tatsächlich interessiert, anstatt einem festgelegten Lehrplan zu folgen. Voraussetzung für die Durchführung des Programms ist die Teilnahme von mindestens fünf jungen Gästen auf der jeweiligen Kreuzfahrt. An manchen Tagen steht die Untersuchung von Planktonproben unter dem Mikroskop in der Ocean Academy des Schiffes auf dem Programm. An anderen Tagen geht die Gruppe an Land, um an Erkundungswanderungen teilzunehmen, oder erhält Einblicke in die operativen Bereiche des Expeditionsschiffes selbst – etwa in die Maschinenräume oder auf die Brücke – und lernt dabei Systeme und technische Abläufe kennen, die die meisten Passagiere niemals zu sehen bekommen. Unterwegs ergeben sich ganz selbstverständlich auch Gespräche über Gletscher und die Empfindlichkeit polarer Lebensräume, ohne dass jemals der Eindruck einer klassischen Unterrichtsstunde entsteht.

Für Isolde Susset, Managing Director von Hapag-Lloyd Cruises, liegt der eigentliche Wert des Programms weit über dem reinen Unterhaltungsaspekt. Ihrer Auffassung nach bildet Neugier den Kern jeder Expedition: die Bereitschaft, Fragen zu stellen und die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Susset ist zudem überzeugt, dass Kinder, die schon früh erfahren, wie faszinierend, aber auch wie empfindlich die Natur ist, dieses Bewusstsein ins Erwachsenenalter mitnehmen. Hinzu kommt ein wichtiger sozialer Aspekt: Viele Kinder kehren nicht nur mit Fotos von Gletschern nach Hause zurück, sondern auch mit Freundschaften, die an Bord entstanden sind und weit über das Ende der Reise hinaus Bestand haben können.

Die Arktissaison ist lediglich ein Kapitel eines wesentlich umfangreicheren Programms. Hapag-Lloyd hat derzeit 19 Young-Explorers-Abfahrten bis Ende 2028 geplant. Sie finden während der Schulferien statt und decken eine bemerkenswerte Bandbreite an Klimazonen und Breitengraden ab: von Expeditionen zur Beobachtung der Nordlichter in Norwegen und Kreuzfahrten rund um Spitzbergen über Reisen nach Neufundland und auf dem Sankt-Lorenz-Strom bis hin zu Erkundungen der Azoren. Ob nah oder fern, warm oder kalt – der rote Faden bleibt derselbe: Expeditionskreuzfahrten, die gezielt auf die Fähigkeit junger Menschen zugeschnitten sind, sich von der Welt begeistern und überraschen zu lassen, anstatt ihre Anwesenheit lediglich innerhalb eines für Erwachsene konzipierten Reiseverlaufs zu dulden.
Es ist eine bemerkenswerte Wette in einem Segment der Kreuzfahrtbranche – den Polar- und Expeditionskreuzfahrten –, das sich traditionell vor allem an ein älteres und spezialisiertes Publikum gerichtet hat. Die Wette von Hapag-Lloyd scheint jedoch darin zu bestehen, dass die Arktis für ein jüngeres Publikum nicht vereinfacht werden muss. Sie braucht lediglich einen Guide, der die Neugier eines zehnjährigen Kindes dort aufgreift, wo sie tatsächlich zum Ausdruck kommt: vor einem Mikroskop, an Bord eines Zodiacs oder mit der Nase an die Scheibe gedrückt, während ein Eisberg langsam am Panoramadeck vorbeigleitet.
Gabriele Bassi


