Die Reise in die Vergangenheit dauert kaum länger als eine Minute. Der Zeitstrahl, der ein paar Hundert Jahre umfasst, zeigt auf, wie unglaublich schnell die Landhebung im hohen Norden Europas vonstatten geht, wenn man geologische Maßstäbe zugrunde legt.

Wo Mitte des 18. Jahrhunderts nur Wasser war, tauchen schon wenige Jahrzehnte später massenhaft Steine auf. Manche faustdick, andere viele Meter groß. Mit jedem weiteren Jahrzehnt zieht sich die Ostsee weiter zurück, schafft Raum für neue Inseln - karge Welten aus Stein, die im Lauf der Zeit von Flechten und Moosen, Sträuchern und Bäumen erobert werden.

Der Kvarken-Archipel unweit der finnischen Stadt Vaasa ist ein gigantisches Lehrbuch für Geographie, ein Musterbeispiel für das Zusammenspiel aus eiszeitlichen Gletschern, Landhebung und Erosion. Hier ist stetiger Wandel zu beobachten, weil sich die Erde jährlich um rund acht Millimeter hebt. Was nach wenig klingt, summiert sich. Seit dem Rückzug der Gletscher vor gut 10 000 Jahren hat sich das Land um über 280 Meter gehoben. Aus dem Wasser ragen ständig neue Felsen; Inseln wachsen zusammen; Buchten werden zu Seen; Meeresarme trocknen aus. Mehr als 5 600 Inseln zählt der Archipel - die größte ist Replot, über eine 1045 Meter lange Brücke mit dem finnischen Festland verbunden. Jedes Jahr breitet sich die Landfläche um einen weiteren Quadratkilometer aus. In etwa 2 000 Jahren könnte man vermutlich zu Fuß von Finnland nach Schweden gelangen, wo die gegenüber liegende Höga Kusten den Gegenpart zum Kvarken darstellt. Noch aber ist es nicht so weit, aber sichtbar ist der Prozess und seine Folgen überall in den Weiten des Bottnischen Meerbusens, dem nördlichen Ausläufer der Ostsee, der einen langgezogenen Fjord nicht unähnlich ist.

Wer wissen will, warum gerade hier die Landhebung so rasant schnell vonstatten geht, muss ins World Heritage Visitor Center, keine 20 Autominuten von der Innenstadt der westfinnischen Hafenstadt entfernt, die 1606 vom schwedischen König Karl IX. Wasa gegründet wurde. Während vor der Tür die Ostseewellen gegen die Kaimauer schwappen, reist man drinnen per Zeitkapsel in die letzte Eiszeit. Vor 20 000 Jahren lag ein drei Kilometer dicker Eispanzer über der Landmasse; durch das ungeheure Gewicht des Monster-Gletschers wurde die Erdkruste stetig nach unten gedrückt - Berechnungen zufolge rund 800 Meter. Als das Eis schließlich zu schmelzen begann, setzte die entgegengesetzte Bewerbung ein: Der Druck verringerte sich, das Land begann sich zu heben. Anfangs hob sich der Boden um über einen Meter pro Jahr, jetzt sind es nur noch acht Millimeter im Jahr, immer noch ein Spitzenwert auf dem Globus. Heraus kam ein Schärengarten, der ein wahres Paradies für Wanderer, Kajakfahrer und Erholungssuchende ist und der seit 2006 zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt. Ungezählte Inseln – manche mehrere Quadratkilometer groß, andere nicht viel mehr als ein Steinhaufen – prägen den maritimen Landstrich. Fischerdörfer und Sommerhäuser ducken sich entlang der Küstenstreifen, dahinter verstecken sich verwinkelte Buchten und zerklüftete Strände. Birken-, Tannen und Kiefernwälder machen sich auf den größeren Eilanden breit. Die flachen Gewässer, die Schilfgürtel und die unbewohnten Inseln sichern mehr als 100 Vogelarten das Überleben.

Der finnische Schärengürtel ist einer der Höhepunkt der Kreuzfahrt durch den Bottnischen Meerbusen. Kaum ein Schiff eignet sich besser dafür, Schwedens Ostküste hochzuschippern und sich an Finnlands Westküste gen Süden vorzuarbeiten, als die MS „Hamburg“ der Reederei Plantours. Denn der nur 144 Meter lange und 21,5 Meter breite Meereskreuzer kann mit seinem Tiefgang von gut fünf Metern auch in kleineren Häfen anlegen, um die die großen Pötte einen weiten Bogen machen müssen. Wobei Häfen so eine Sache sind. Der über 700 Kilometer lange Ostsee-Ausläufer, der im Süden auf Höhe der Åland- Inseln beginnt und sich bis zum Polarkreis hochzieht, ist nicht gerade das typische Revier für Kreuzfahrtschiffe. Häfen mit entsprechender Infrastruktur wie WLAN, Kreuzfahrtterminal und Busverbindungen in den auf dem Ausflugsplan stehenden Städte sind daher die Ausnahme. Wer mehr sehen will als nüchterne Frachthäfen, wo Gabelstapler mit dem Aus- und Beladen von Versorgungsschiffen beschäftigt sind, muss notgedrungen auf die Shuttlebusse ausweichen, deren Fahrzeiten man tunlichst im Kopf haben sollte. Denn je weiter sich die „Hamburg“ gen Norden vorarbeitet, desto einsamer werden die Landstriche. Öffentliche Busse oder Taxis haben Seltenheitswert. Und wer möchte schon in Orten wie Sundsvall, Umeå, Luleå, Kemi oder Oulu stranden, von deren Existenz die meisten Passagiere bislang nichts wussten.

Die 400 „Hamburg“-Fans - darunter erstaunlich viele Alleinreisende, die sich dank erstaunlich moderater Zuschläge den Traum von der Seereise leisten können - stört das nicht. Im Gegenteil: Beim Ablegen in Kiel wähnen sich Neulinge wie beim letzten Klassentreffen. Man herzt und umarmt sich, tauscht Freundlichkeiten aus und schwelgt in Erinnerungen an die letzte gemeinsame Reise. Gefühlt jeder zweite scheint ein Wiederholungstäter zu sein, für den die familiäre, entspannte Atmosphäre auf der „Hamburg“, der Service der Crew und die außergewöhnlichen Routen abseits touristisch überlaufener Pfade wichtiger sind als ein riesiges Angebot an Restaurants, Bars und Freizeitprogrammen. Die „Hamburg“, die einst als Columbus für Hapag-Lloyd über die Weltmeere kreuzte und seit 2012 zu Plantours gehört, mag zwar etwas in die Jahre gekommen sein - manche Kabine könnte ein zeitgemäßes Update vertragen -, doch das kleinste deutsche Kreuzfahrtschiff bietet alles, was man im Urlaub so braucht: Zum Abendessen treffen sich alle zum mehrgängigen Menü im Restaurant „Alsterblick“, ohne sich auf eine Sitzung festlegen zu müssen. Das Theater, die heimelige Weinstube und diverse Bars sind der Treffpunkt für Entertainment und ein gemütliches Get-Together. Wer will, kann sich im Spa oder beim Friseur verwöhnen lassen.

Balkonkabinen, Wasserrutschen, Kletterwände oder gar Kartbahnen, nicht unüblich auf den überdimensionierten Vergnügungsdampfern, vermisst keiner und auch das kleine, aber feine Fitnessstudio mit Meerblick bleibt während der zweiwöchigen Reise eher ungenutzt. Reisende unter 60 muss man auf dem einzigen Hochseeschiff von Plantours ohnehin mit der Lupe suchen.

Ihre Vorzüge spielt die weiße Diva mit der eleganten Silhouette in Kopenhagen aus. Während die Konkurrenz mit dem Kussmund weit außerhalb der dänischen Hauptstadt ankern muss, liegt die „Hamburg“ in unmittelbarer Nähe der kleinen Meerjungfrau, mit herrlichem Blick auf die „Dannebrog“, die mit reichlich Gold verzierte Luxusjacht der Königsfamilie. Zum Schloss Amalienborg, berühmt durch die Wachablösung der königlichen Leibgarde pünktlich um 12 Uhr, sind es nur wenige Schritte und auch der Tivoli sowie die völlig überlaufene Flaniermeile Nyhavn mit ihren bunten Giebelhäusern, den historischen Holzschiffen sowie den unzähligen Restaurants und Cafés sind locker zu Fuß zu erreichen. In Stockholm, einem weiteren Höhepunkt der Reise, muss die Hamburg in einem der Fährhäfen anlegen,weil den Stadtvätern das (Schiffs-)Getümmel rund um die Altstadt Gamla Stan dann doch zu viel wurde und sie die Kreuzfahrtriesen aus der Innenstadt verbannt haben. Doch dank eines perfekt ausgebauten Bussystems erreichen die Passagiere in wenigen Minuten Stockholms Keimzelle mit ihren gepflasterten Gassen, den in Erdfarben gestrichenen Giebelhäusern und den lauschigen Plätzen, wo Touristen und Einheimische der typisch schwedischen Fika frönen können, der Kaffeepause mit Zimtschnecke oder einem Krabbenbrötchen. Platzangst sollte man in dem Gassen-Gewirr aber nicht haben, denn Schwedens Hauptstadt wirkt wie ein Magnet. 

Die mehrstündige Fahrt durch die Inselwelt der Metropole zählt zu den schönsten Passagen auf der 4358 Kilometer langen Reise. Mehr Schweden geht nicht als hier direkt vor den Toren der Hauptstadt. Fast 30 000 Inseln ragen aus der stahlblauen Ostsee, nur 150 sind ganzjährig bewohnt. Dafür gibt es über 50 000 Ferienhäuschen, viele ohne Strom und fließendes Wasser, weil den Nordlichtern das „Zurück zur Natur“ im Blut liegt. Gemächlich gleitet die „Hamburg“ an glatt geschmirgelten Felsen vorbei, die von Sonnenhungrigen bevölkert werden, kreuzt Fähren und Segeljollen, schlängelt sich durch das schier endlose Insel-Wirrwarr. Es ist, als sei man mitten in den Kulissen der Inga Lindström-Filme gelandet, in der Szenerie von „Ferien auf Saltkrokan“, der Kinderserie um Tjorven, Pelle und Stina, die auf Norröra gedreht wurde. Astrid Lindgren verbrachte 60 Sommer in ihrem Ferienhaus auf Furusund. August Strindberg verewigte den Schärengarten nicht nur literarisch, sondern bannte ich auch auf Leinwand. Und auch heute zieht es Prominente in dieses Mosaik aus Inseln und Buchten. In Vaxhom, der gemütlichen Kleinstadt mit ihren Läden, Galerien, Cafés und den im Hafen dümpelnden Segel- und Motorbooten, steht das Feriendomizil von Björn Ulvaeus: Regelmäßig tankt das Mastermind von „Abba“ seine 20-Meter- Jacht an der orangefarbenen Tankstelle am Bootsanleger an der Strandgatan auf. Auf Grinda, das sich zeitweise im Besitz der Krone befand und wo später ein Ferienlager für Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen eröffnet wurde, hüpfte US-Superstar Pink in die lausig kalte Ostsee, um anschließend Instagram-tauglich per Jetski durch die Gegend zu kurven. Und auf Sandhamn mit seiner lebendigen Partyszene ist Viveca Sten anzutreffen, Bestseller-Autorin der bekannten TV-Serie „Mord im Mittsommer“. 

Es bleibt nicht die einzige Begegnung mit der dunklen Seite der Skandinavier. Liegt es an den langen, dunklen Wintertagen, dass so mancher in Gewaltphantasien schwelgt? Oder an der Wildnis, wo sich Menschen verlieren und man zwangsläufig zum Sonderling wird? In Umeå, über 600 Kilometer nördlich von Stockholm, könnten Krimifans auf den Spuren von Stieg Larsson wandeln, dem Schöpfer der „Millenium“-Trilogie. Wenn die Stadt denn des berühmten Sohnes gedenken würde. Doch in der nordschwedischen City, die sich dank der angesehen Universität jung, hipp und äußerst kreativ präsentiert, erinnert keine Statue, kein Platz, schon gar keine Schule an den Schriftsteller, der mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt starb und den weltweiten Erfolg seiner Bücher nicht mehr miterleben konnte. Gäbe es nicht die Nya Konditoriet an der Kungsgatan, wo der Geschmähte „der „Fika“ huldigte, dem heiligen schwedischen Brauch des nachmittäglichen Kaffee- und Kuchenklatsches - in Umeå würde gar nichts an den berühmten Autoren erinnern. Wo Wiener Kaffeehaus auf Omas gute Stuben mit Spitzendeckchen und Sammeltassen trifft, versammeln sich Einheimische und Touristen zu sahnegeschwängerten Torten, Zimtschnecken oder einem deftigen Räksmörgås.

Wer durch die 1622 von König Gustav II. Adolf gegründete Stadt an der Mündung des Flusses Ume älv schlendert, wird auf den ersten Blick ziemlich enttäuscht sein. Denn eine nordische Schönheit ist die schnell wachsende Stadt wie viele andere während der zweiwöchigen Reise nun wirklich nicht. Die Bauwut in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat Umeå seines historischen Kleides beraubt und ihr stattdessen ein schmuckloses Outfit verpasst. Nüchterne Quader aus Beton dominieren das Bild, hingeworfen wie Legosteine, deren Zweck das sprichwörtliche Dach über dem Kopf und nicht die Ästhetik ist. Es gibt sie, die Relikte einer fernen Zeit, als Umeå zum wichtigen Handelszentrum aufstieg, wie beispielsweise das Rathaus im Stil der Neorenaissance oder die alten Villen in zarten Pastellfarben mit filigranen Erkern und kunstvollen Schnitzereien an den Giebeln. Doch architektonischen Juwelen sind rar. Am Fluss setzte man auf innovative, zukunftsweisende Architektur, wie beispielsweise beim Bildmuseet von Henning Larsen, das eine imposante Sammlung von Fotografien über das Leben in dieser abgelegenen Ecke der Welt besitzt. Der siebenstöckige Bau mit seinen markanten Lamellen aus sibirischer Lärche wirkt wie ein Vorzeigeobjekt aus dem Ikea-Katalog.

Abgesehen von der architektonischen Eintönigkeit: Besucher müssen sich nur auf die Partyboote verirren, auf die steinernen Treppen am Ume älv, wo die langen Sommernächte bei reichlich Bier schier endlos sind, um zu erkennen, wie jung und lebendig dieses urbane Zentrum am Bottnischen Meerbusen ist. Dank der Universität und junger, innovativer Unternehmer kletterte die Einwohnerzahl auf 134 000; jeder vierte ist Student. Bis zum Jahr 2050 soll die Bevölkerungszahl auf 200.000 steigen. Wie ein Magnet wirkt die einzigartige Kombination aus wilder Natur und moderner Kultur auf Menschen aus aller Welt. Umeå leistet sich den Luxus einer Oper mit festem Ensemble. Es gibt unzählige Museen wie das Gitarrenmuseum mit den Schätzchen von Paul McCartney, Jimi Hendrix oder Bruce Springsteen, sowie das schneeweiße Kulturzentrum Väven. Kultur ist der Identitätsstifter dieser Stadt, die so jung, frisch und unbekümmert ist wie viele ihrer Bewohner. Die steigen selbst im tiefsten Winter bei zweistelligen Minusgraden aufs Rad . Der Anstoß dafür kam von der Stadtverwaltung. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, Umeå zur grünen Vorzeigestadt zu machen. Sie fördert nicht nur ökologisch gebaute Wohnhäuser, sie lässt auch Fahrradwege und Straßen beheizen - keine Selbstverständlichkeit in eine Siedlung, in der bis zu acht Monate im Jahr Schnee liegt.

Das Leben so hoch im Norden ist heute durchaus komfortabel, dank Flughäfen, Straßen, Elektrizität und Internet. Früher war das anders. Wer auf sein Seelenheil bedacht war, musste tagelange Fußmärsche in Kauf nehmen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Aus diesem Grund entstanden überall sogenannte Kirchendörfer, wo die Gläubigen übernachten konnten. Das Schönste der insgesamt 71 Kirchendörfer liegt nur wenige Kilometer von Luleå entfernt. Die ersten Häuser der historischen Gammelstad, 1996 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben, wurden Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet; heute zählt das Kirchendorf über 400 Bauten, alle in falunröd gestrichen, mit winzigen Zimmern und niedrigen Decken. Die einfachen Hütten, kyrkstugor genannt, boten nicht nur einen warmen Platz zum Schlafen; in den kleinen Dörfern traf man Freunde und Bekannte; hier wurden Märkte und Gerichtsverhandlungen abgehalten; hier zog man zur nächtlichen Brautwerbung aus, um den Partner fürs Leben zu finden Einen Ofen gab es nicht in den Häuschen, ebenso wenig eine Küche. Wer die tagelange Reise zu der Kirchenstadt auf sich nahm - der Sprengel von Luleå umfasste zeitweise ein Gebiet von über 90.000 Quadratkilometern und war damit größer als ganz Bayern - brachte seine Mahlzeiten mit und aß sie kalt. Die Brandgefahr wäre viel zu groß gewesen.

Unter der Woche wirkt die Gammelstad wie ausgestorben. Doch am Wochenende kehrt Leben in die kleine Siedlung rund um die spätmittelalterliche Steinkirche ein, die für Hochzeiten und Taufen genutzt wird. Radler rollen über das Kopfsteinpflaster, Sonnenhungrige holen Liegen hervor, im zum Café umgewandelten „Kapitänshaus“ löffeln Touristen selbstgebackenen Blaubeerkuchen mit reichlich Sahne. Fast alle Katen befinden sich in Privatbesitz und dürfen tagsüber genutzt werden. Nur übernachten dürfen die Besitzer nicht Gelegentlich wird sogar eine Hütte zum Verkauf angeboten und „sie gehen weg wie warme Semmeln“: erzählt Charlotte, die in Luleå lebt.

Jeder Tag auf der MS „Hamburg“ wartet mit neuen unbekannten Orten auf. In Sundsvall, dem Tor zur Höga Küsten, dem Pendant zum Kvarken Archipel, staunen die Passagiere über die prächtigen Steinhäuser mit Türmchen, Erkern und opulenter Fassadengestaltung: Nach einer verheerenden Feuersbrunst an Mittsommer 1888 war die Stadt in Västernorrland im Stil des Historismus wieder aufgebaut worden, was ihr den Beinamen „Stenstad“, Steinstadt, einbrachte. Im finnischen Kemi steht ein Ausflug zum Weihnachtsmann auf dem Programm, der für ein ordentliches Sümmchen fürs gemeinsame Selfie posiert und Briefeschreiber schon im Hochsommer die Weihnachtspost für die Lieben daheim auf den Weg bringen können. Und in Visby, dem schmucken Hauptort der Insel Gotland, pilgern die Ausflügler von einer romantrischen Kirchenruine zur nächsten: imposante Bauten, die heute als Theater oder als malerischen Freiluftcafé genutzt werden. Richtig hyggelig, sprich gemütlich, wird es auf Bornholm, Dänemarks östlichstem Außenposten, der ein wahres Paradies für Outdoorfans ist. Als der Schöpfer bei der Erschaffung der Welt noch etwas Material übrig hatte, warf er es laut Legende kurzerhand ins Meer und gestaltete damit dieses herrliche Fleckchen Erde, das es auf 1700 bis 1800 Sonnenstunden pro Jahr bringt. Heraus kam eine Art „Best of Scandinavia“ mit schroffen Granitklippen, weißen Sandstränden, wehrhaften Rundkirchen und Nordeuropas größter Burgruine, Hammershus, in deren Höhlen der Herr der Unterwelt hausen soll.

Um Verpflegung muss sich ein Kreuzfahrer normalerweise keine Gedanken machen. Das letzte Tagesprogramm der MS „Hamburg“ weist den Verzehr von 1221 Kilogramm Rindfleisch, 1120 Kilogramm Schweinefleisch, 1140 Kilo Geflügel und 11000 Eiern auf. Von Meeresfrüchten, frischem Obst und Gemüse sowie den flüssigen Kalorienlieferanten einmal ganz abgesehen. In Bornholm gönnen wir uns aber einen kulinarischen Seitensprung, denn das Gericht „Sol over Gudhjem“ wird in ganz Dänemark gefeiert. Man nehme einen goldgelb geräucherten Hering, garniere ihn mit Radieschen, Zwiebelringen, Schnittlauch sowie grünem Salat und packe zur Krönung ein rohes Eigelb obenauf. Fertig ist das Smørrebrød, das mit einem kühlen Bier aus dem benachbarten Brauhaus noch besser schmeckt. 

Roswitha Bruder-Pasewald